Wo Kinder schlafen I: Gestillte Säuglinge 

Viele Eltern machen die Erfahrung, dass Babies einfach nirgends so gut schlafen wie bei ihnen im Bett. Und dann heißt es oft schnell, die Kinder würden verwöhnt werden. Was hat es damit auf sich?

Anthropologen sind sich einig: Babys sind darauf ausgerichtet, bei ihren Müttern zu schlafen. Die Gründe dafür sind leicht erklärt: Zum Zeitpunkt der Geburt sind Menschenbabies noch weit davon entfernt, für sich selbst sorgen zu können. Sie werden mit nur 25% des Gehirnvolumens eines Erwachsenen geboren (McKenna 2008). Die Nähe zu den Versorgern ist daher lebensnotwendig. Und besonders nachts wären früher alleinschlafende Babies sehr schnell Gefahr gelaufen, wilden Tieren zum Opfer zu fallen. Nur die Nähe zu den Erwachsenen bot den nötigen Schutz und sicherte das Überleben. (Vgl. Renz-Polster 2009)

Nicht zu unterschätzen ist auch der Fakor der nächtlichen Nahrungsaufnahme. McKenna et al. (1997) zeigen, dass das gemeinsame Schlafen die Stillfrequenz und -dauer erhöht. In der Studie wurden insgesamt 35 Mutter-Kind-Paare über mehrere Nächte hindurch in einem Schlaflabor beobachtet. 20 dieser Paare schliefen gewohnheitsgemäß in einem gemeinsamen Bett, die anderen 15 gewohnheitsgemäß getrennt voneinander. Im Labor wurden bei beiden Paaren beide Konditionen beobachtet, d.h. alle Paare wurden jeweils eine Nacht beim gemeinsamen als auch eine beim getrennten Schlafen untersucht. Diesen beiden Nächten voraus ging eine Gewöhnungsnacht an die Laborsituation. Und das Ergebnis ist erstaunlich: Vergleicht man die Stillepisoden der Kinder, die regulär bei der Mutter schlafen, in deren gewohnter Schlafsituation mit den Stillepisoden der Kinder, die regulär alleine schlafen, in deren gewohnter Situation, so trinken erstere doppelt so oft und insgesamt dreimal so lang.  Die gesamte Schlafdauer ist aber bei beiden Gruppen sehr ähnlich, wobei Kinder im gemeinsamen Bett insgesamt um etwa 6% länger schliefen. Diese Zeitdifferenz reicht aber natürlich nicht aus, um den enormen Unterschied in den Stillepisoden zu erklären. Was genau zu diesem Unterschied führt und warum dabei das regelmäßige Schlafen im gleichen Bett eine Rolle spielt, darüber wird in dem Artikel nur spekuliert. Es besteht jedoch Grund zur Annahme, dass der Geruchssinn dabei eine Rolle spielt und auch die erhöhte Responsivität der Mutter gegenüber dem Säugling. Der Effekt des vermehrten Stillens beim gemeinsamen Schlafen wurde übrigens auch in späteren Untersuchungen bestätigt (z.B. Ball 2003, Gettler und McKenna 2011).

Diese zusätzliche Nahrungsaufnahme bietet den Kindern natürlich enorme Vorteile. Abgesehen von den extra Kalorien, die sie ja dringend zum Wachsen brauchen, bekommen sie mit der Milch auch noch mehr Antikörper, die sie vor Krankheiten schützen. Und sie müssen nicht erst schreien, um die Mutter und somit die Nahrung herbeizurufen, was wiederum noch mal wertvolle Energie spart. Regelmäßiges Stillen stellt dazu noch sicher, dass immer ausreichend Milch vorhanden ist, da das Angebot sich hier ganz nach der Nachfrage richtet. Und dann wäre da noch die Tatsache, dass regelmäßiges Stillen die Chance auf einen Eisprung bei der Mutter senkt, womit sich das Kind den Favoritenstatus sichert. Und von Nachteil für die Mutter ist letzeres zumindest in den ersten Monaten wohl auch nicht.

Und was heißt das für uns?

Müde und erschöpfte Mütter werden sich jetzt denken, dass die Kinder doch besser im eigenen Bett im eigenen Zimmer schlafen, schließlich wäre dann ja die Chance größer, mehr Schlaf zu bekommen. Vielleicht. Aber Stillen im Familienbett ist für die meisten Mütter bequemer als Aufstehen, und häufig ist zu hören, dass Mütter beim gemeinsamen Schlafen de facto mehr Schlaf bekommen, da sie nie ganz wach werden müssen und meist gemeinsam mit den Kindern auch schnell wieder in den Schlaf finden. Welche Schlaflösung auch immer eine Familie wählt, die wesentliche Botschaft hier aber ist: Gemeinsames Schlafen ist nicht außergewöhnlich und Babies werden dadurch bestimmt nicht verwöhnt. Immerhin sind sie aus guten Gründen schlicht und ergreifend darauf programmiert, auch nachts die unmittelbare Nähe der Mutter zu suchen.

P.S.: Damit das Familienbett für Babies auch sicher ist, gibt es ein paar Dinge zu beachten. Eine gute Zusammenstellung der zu berücksichtigenden Faktoren findet man zum Beispiel hier.

Literatur
Ball, Hellen L.. 2003. Breastfeeding, bed-sharing, and infant sleep. Birth 30:3, 181-188.
Gettler, Lee T., James J. McKenna. 2011. Evolutionary perspectives on mother-infant sleep proximity and breastfeeding in a laboratory setting. American Journal of Physical Anthropology 144, 454-462.
McKenna, J. James, Sarah S. Mosko, Christopher A. Richard. 1997. Bedsharing promotes breastfeeding, Pediatrics 100:2, 214-219.
McKenna, J. James. 2008. Cosleeping and biological imperatives. Why human babies do not and should not sleep alone. Online: neuroanthropology.net, 21. Dezember 2008.
Renz-Polster, Herbert. 2009. Kinder verstehen. München: Kösel Verlag.

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