Wer ist schneller? Der Spaß am Vergleichen

Geschwindigkeit ist nur unter bestimmten Voraussetzung die Sache der Kängurukinder. Wenn es etwa darum geht, mit den Skiern den Berg runter zu fahren, dann geht das ganz schnell. Aber wenn es darum geht, einen bestimmten Bus zu erwischen, dann kann auch alles ganz langsam gehen.

Die Zauberformel für ein bisschen mehr Tempo bei Kindern

Manchmal müssen wir aber zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein. Manchmal will ich bestimmte Dinge einfach zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt haben. Die Kinder aber haben nicht nur ein anderes Zeitgefühl, sie haben oft auch andere Prioritäten. Wann auch immer es mir möglich ist, lass ich ihnen gerne diese Zeit.

Aber immer geht das eben nicht. Und dann kann es für alle Beteiligten sehr nervenaufreibend werden: Die Eltern drängen, wiederholen sich ständig, werden ärgerlich. Die Kinder trödeln, haben noch ein paar Ideen, werden auch ärgerlich. Und dann sind alle unglücklich. Keinen freut es mehr.

Doch immer wieder gelingt es ganz leicht die Kinder nicht nur erfolgreich in Bewegung zu setzten, sondern auch noch Spaß dabei zu haben. Die Zauberformel? Die enthält immer einen Vergleich:

Wer hat als erste die Stiefel angezogen?
Wer ist am schnellsten beim Lift?
Wer kann die meisten Bausteine in die Kiste räumen?

Aber man soll doch nicht vergleichen?

Spätestens wenn Kinder ins Kindergartenalter kommen und viel Zeit mit anderen Kindern verbringen, beginnen sie sich automatisch mit anderen zu vergleichen. Wer ist größer? Wer ist jünger? Wer läuft schneller? Wer hat längere Haare?

Vergleichen liegt in der Natur des Menschen. Es leistet einen wesentlichen Beitrag zum Sich-selbst-Kennenlernen, Sich-Abgrenzen und somit zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Wir vergleichen uns mit anderen, wir vergleichen Erfahrungen von heute mit Erfahrungen von gestern, und wir haben in bestimmten Situationen bestimmte Erwartungen, weil wir mit bereits Erlebtem vergleichen. In der Sozialpsychologie gibt es sogar eine eigene Theorie, die sich ausschließlich mit dem Phänomen des sozialen Vergleichens beschäftigt.*

Nicht zu vergleichen geht also gar nicht. Weder für uns Eltern noch für die Kinder. Ich sehe es als meine Aufgabe, die Kinder in diesem Prozess zu stärken. Die Vergleiche mit anderen helfen ihnen, sich selbst besser kennenzulernen. Die Kunst besteht darin, diese Vergleiche klar vom Selbstwertgefühl zu trennen. Egal wie schnell, wie langsam, wie beeindruckend oder wie mittelmäßig sie in etwas sind, es ändert nichts an ihrem Wert als Mensch und nichts an meiner Liebe zu ihnen.

Deswegen dürfen sie trotzdem Spaß daran haben, sich mit anderen zu messen. Und wir alle dürfen uns freuen, wenn wir den Bus gerade noch erwischen, weil wir heute besonders schnell gelaufen sind.

*Leon Feistinger begründete 1954 mit seinem Buch „A theory of social comparison processes“ die Theorie des sozialen Vergleichs.

Gedanken dazu? Ich lese sie gerne!