Was ‘kunterblau’ über den Spracherwerb verrät

“Heute bin ich ganz kunterblau angezogen.” Kängurukind #2 ist ganz stolz. Blau ist ihre Lieblingsfarbe, und sie hat gerade lauter blaue Sachen an. In lauter verschiedenen Blautönen. Kunterblau eben. Das ist nicht nur entzückend. Das verrät mir auch ganz schön viel über den Status quo des Spracherwerbs meines Kindes.

Wortbildung

Es zeigt mir zum Beispiel, dass meine Tochter über das Muster von deutschen zusammengesetzten Wörtern bereits Bescheid weiß. Im Deutschen steht nämlich der wichtigste Teil eines zusammengesetzten Wortes immer ganz rechts und das, was diesen Teil näher bestimmt, immer links. In der Sprachwissenschaft nennt man diesen Teil des Wortes ‘Haupt’ oder ‘Kopf’. Ich nenn ihn gerne auch ‘die Chefin’. Also bei einem Holzpferd handelt es sich um eine bestimmte Art von Pferd. Und bei Kirschenholz um eine bestimmte Art von Holz. Und bei kunterblau eben um etwas Blaues. Gehört hat Kängurukind #2 kunterblau sicher noch nie und nirgends. Sie hat es ganz einfach selbst spontan gebildet und das vollkommen konform zu anderen deutschen zusammengesetzten Wörtern.

Rückschlüsse

Sie hat auch erkannt, dass ‘kunterbunt’ aus zwei verschiedenen Teilen besteht. Teile, die man auch abtrennen kann. ‘Kunter’ existiert im Deutschen unabhängig von ‘bunt’ nicht, dennoch hat sie es als einen eigenen Wortteil identifiziert. Sie hat also von der Existenz des Wortes ‘bunt’ den Rückschluss gezogen, dass ‘kunter’ auch ein unabhängiger Teil ist. Und dann hat sie es kurzerhand vor ‘blau’ gestellt.

Bedeutung

Sie hat ‘kunter’ somit auch schon eine Bedeutung zugewiesen. Sie kann also komplexe, das heißt zusammengesetzte, Bedeutungen erkennen, zerlegen und neu bilden. In dem konkreten Fall hat sie ‘kunter’ wohl eine Bedeutung in dem Sinne von ‘viele verschiedene Farbtöne’ gegeben.

Und plötzlich wird ein für uns lustiges Wort zum Fenster in das Gehirn eines kleinen Menschen, das uns einen Blick auf ihren Weg zum Spracherwerb erlaubt.

P.S.: Laut dem Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache von Friedrich Kluge ist die Herkunft des Wortes ‘kunterbunt’ übrigens unklar. Es könnte mit Kontrapunkt aus der Musik verwandt sein und dem nicht mehr verwendeten ‘kontrabund’, was so viel wie vielstimmig bedeutete.

P.S.: Zwei Wochen nach Erscheinen dieses Beitrages erzählt Kängurukind #2 von etwas, das kunterlila war. Ganz so wie es sich für einen produktiven – also immer wieder neu anwendbaren – Teil der Sprache gehört.

Photo by Vincent Guth on Unsplash.

2 Kommentare

  1. Danke für den Einblick, jetzt habe ich auch wieder ein Stück mehr verstanden.

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