Sandalen im Herbst

Seit Anfang September geht Kängurukind #1 montags bis donnerstags ins Kinderhaus. Das heißt für uns in der Früh: aufstehen rund um 6:30 Uhr, Mama fertig machen, Kängurukind #1 und #2 befrühstücken, beide umziehen, #1 beschuhen, bejacken, #2 ab ins Tragetuch, raus aus dem Haus, zum ersten Bus, zum zweiten Bus, ankommen.

Diese Morgen sind manchmal ganz schön nervenaufreibend für alle. So kann sich Kängurukind #1 zum Beispiel schon seit Monaten selbst anziehen, ist da auch mächtig stolz drauf. Nur, an den Tagen, an denen sie ins Kinderhaus geht, will sie angezogen werden. Und zwar von der Unterhose bis zur Jacke. Nur die Haube, die Haube, die setzt sie sich immer selbst auf.

Und dann ist da noch die Sache mit den Sandalen. Ich hätte sie schon längst wegräumen sollen, aber daran denke ich immer nur in der Früh. Darum stehen die Sandalen immer noch bei allen anderen Schuhen. Jeden Tag in der Früh sagt Kängurukind #1, sie will die Sandalen anziehen. Jeden. Einzelnen. Kalten. Herbstmorgen. Meine Antwort ist jeden einzelnen kalten Herbstmorgen die gleiche. Diese Antwort trifft je nach Laune auf wechselnde Akzeptanz.

Während dieser ganzen Prozedur hörte ich mich heute dann auf einmal sagen, sie könne sich doch bitte selber anziehen und die wirklich immer fruchtlose und unnötige Frage nach dem Warum stellen. Denn da bin ich eh noch müde, oft sehr müde, und dann muss ich insgesamt 3 Menschen abmarschfertig machen, obwohl doch zumindest eines der Kinder nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch schon alles selbst machen könnte. Und dann auch noch die Sandalen, schon wieder diese Frage nach den Sandalen. Obwohl sie das doch bitte eh schon weiß. Und warum (hier ist es wieder) das doch bitte jeden Tag das Gleiche ist.

Moment. Jeden Tag? Natürlich weiß sie, dass sie die Sandalen nicht anziehen kann. Geht es ihr vielleicht gar nicht (mehr) darum, die Sandalen auch tatsächlich anzuziehen? Und geht es vielleicht auch gar nicht ums Unterhose/Pullover/Socken-Anziehen an sich? Denn wie oft ich auch ohne Erfolg darum bitte, sie möge sich doch bitte Unterhose/Pullover/ Socken anziehen, wenn ich mich dann – oft schon genervt – mit dem entsprechenden Kleidungsstück zu ihr hinhocke, um es ihr anzuziehen, dann ist es in den meisten Fällen auch in relativer Windeseile am entsprechenden Platz.

Da dämmert es mir. Diese kurzen Momente in der Früh, in denen ich sie anziehe, in denen ich mit ihr darüber rede, ob sie denn nun heute die Sandalen anziehen darf oder besser doch nicht, das sind ihre Momente mit mir. Die Momente, bevor sie für Stunden in eine Welt ohne mich eintaucht, in der sie mit anderen Kindern spielt und lacht und lernt, die sie aber nur wirklich genießen kann, weil und wenn sie sich ganz sicher sein kann, dass ich da bin, dass sie sich auf mich verlassen kann, dass wir miteinander verbunden sind. Und dessen will sie sich in der Früh versichern. Und manchmal heißt das, sie anzuziehen, obwohl sie es selber kann. Und mit ihr über Sandalen reden, obwohl sie weiß, dass es dafür schon viel zu kalt ist.

P.S.: Die Sommerschuhe sind jetzt allesamt endlich weggeräumt.
P.P.S.: Bin gespannt, was sie sich als nächstes aussuchen wird.

4 Gedanken zu „Sandalen im Herbst

  1. Danke….ich kenne das genau so mit meinen beiden Mädels
    🙂 Und du hast vollkommen Recht! Und es wunderbar beschrieben, danke!

Gedanken dazu? Ich lese sie gerne!