Die Sprache finden*

Alle sich gesund entwickelnden Kinder lernen innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre mit unglaublicher Leichtigkeit erfolgreich zu kommunizieren. Das an sich ist schon wundersam, wird aber noch viel wundersamer, wenn man  genauer darüber nachdenkt.

Um eine Sprache zu erwerben, müssen Kinder erst einmal dieselbe als solche erkennen. Sie müssen sie von allen anderen Umgebungsgeräuschen unterscheiden und als lernenswert kategorisieren. Und dann müssen sie alle Komponenten derselben erlernen:

Die Laute Welche gibt es in der Zielsprache überhaupt, wie kann man sie produzieren, und wie kann man sie kombinieren. Und wie nicht. Das th des Englischen, das Kinder im Erstspracherwerb so mühelos als Bestandteil ihrer Muttersprache erwerben, bereitet so manchem Nicht-Muttersprachler ein Leben lang Mühe. Und italienische Kinder lernen, dass alle Wörter mit einem Selbstlaut (a, e, i, o oder u) enden.

Die Sprachmelodie Spanisch zum Beispiel hat ganz unverkennbar eine andere Sprachmelodie als Deutsch. Und schon mal bemerkt, dass man im Deutschen etwas fragen kann, indem man nur die Satzmelodie ändert? Ihr versteht?

Die Wörter Die muss man erst einmal erkennen! Schon mal jemandem zugehört, der eine unbekannte Sprache spricht und dann versucht, einzelne Wörter herauszufiltern? Und wenn man sie erst einmal erkannt hat, dann kann man erkennen, dass man Wörter auch ganz neu bilden kann, auch wenn man sie noch nie gehört hat. Mama, ich mag auf ein Eis gehen, weil ich hab so viel Eishunger!

Der Satzbau Da wird’s dann richtig kompliziert. Was kommt zuerst, was darf am Ende eines Satzes stehen, wie kann man Fragen bilden, wie untergeordnete Sätze markieren, und so weiter und so fort. Und das lernen die Kinder, denn ganz ganz schnell bauen sie ihre eigenen Sätze und erzählen Geschichten von Dingen, von denen ihnen noch nie zuvor eine Geschichte erzählt wurde.

Die Bedeutung Natürlich erlernen Kinder auch die Bedeutung von Sprache. Und zwar nicht nur von einzelnen Worten – Mama, Hund, Auto – sondern auch von dem komplizierten Mechanismus wie Kombinationen von Wörtern zu zusammengesetzten Bedeutungen führen. Der Unterschied zwischen einem großen Stück Schokolade und einem winzig kleinen Stück ist immerhin schon essentiell. Und im Englischen ist zum Beispiel ganz unabhängig von der Betonung immer völlig klar wer bei Lorelei loves Rory liebt und wer geliebt wird. Aber was ist mit dem Deutschen Lorelei liebt Rory? Da kommt es plötzlich auf die Betonung darauf an, wer die Liebende und wer die Geliebte ist. Kinder können das!

Und sie tun das alles, indem sie von Beginn an eifrig lauschen und nach und nach ihre Schlussfolgerungen ziehen, die es ihnen schließlich ermöglichen, erfolgreich zu kommunizieren. Sie beginnen mit dem eifrig Lauschen übrigens schon im Mutterleib und schaffen den Spracherwerb, während sie gleichzeitig auch noch rollen, sitzen, greifen, gehen und all die anderen wundersamen Dinge lernen, die für Große ganz selbstverständlich sind.

Ach ja, und wenn wir Glück haben, dann lernen sie zu all den oben genannten Dingen auch noch, dass man manche Dinge zu seinen Eltern sagen kann, zu Fremden aber nicht, dass man manche Dinge sagen muss, um verstanden zu werden, andere aber lieber für sich behält, dass man manchen Menschen manche Dinge ganz genau erklären muss, bei anderen aber wiederum die Hälfte der Information immer noch ausreichend ist.

Und wie die Auflistung oben zeigt, ist es uns zwar möglich, einzelne Komponenten der Sprache zu identifizieren – und zu analysieren –, aber für einen erfolgreichen Erwerb einer Sprache ist es ganz wichtig, dass auch das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Komponenten verstanden und gemeistert wird. Und Kinder tun das mit einer wahrlich erstaunlichen Virtuosität.

*Dieses ist der erste von sicher noch vielen Posts rund um den Spracherwerb. Hier geht  es jetzt erst einmal nur um ein paar simple Grundlagen. In weiterer Folge werden die Ausführungen sich spezifischeren Themen rund um den Erstspracherwerb widmen.

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