Belohnung als Lernanreiz

5 Euro für einen Einser auf die Schularbeit. Ein neues Smartphone für lauter Einser im Zeugnis. Diese Art von Belohnung soll Kinder dazu motivieren, fleissig zu lernen und ihr Bestes zu geben. Aber funktioniert das eigentlich? Und hat diese Motivation auch eine Auswirkung auf später?

Ein Team von vier Wissenschaftlern aus Deutschland und Großbritannien hat sich jüngst mit dieser Frage auseinandergesetzt und ist zu einem spannenden Ergebnis gekommen: So ein Belohnungssystem wirkt sich nicht nur negativ auf das unmittelbare Prüfungsergebnis aus, sondern auch auf das Langzeitgedächtnis. Dinge, die mit der Absicht gelernt werden, eine möglichst hohe Belohnung dadurch zu erhalten, sind später unzuverlässiger korrekt abrufbar als Dinge, die ohne solche Anreize gelernt werden. Der Fachbegriff für derartigen Handlungsantrieb ist “extrinsische Motivation”: wenn Menschen aufgrund von angekündigten Konsequenzen, wie zum Beispiel Belohnung oder Bestrafung, auf eine bestimmte Art und Weise agieren.

Konkret ließen die Psychologen 60 Studenten 30 Wörter der afrikanischen Sprache Swahili lernen. Direkt anschließend wurden die Studenten 10 dieser Wörter geprüft. In dieser Phase wurde einem Teil der Gruppe eine Belohnung von 1 Euro pro richtigem Wort versprochen, während der andere Teil nur abgefragt wurde. Das Experiment verglich also die Auswirkung von hoher extrinsischer Motivation mit der von niedriger extrinsischer Motivation. Dabei stellte sich heraus, dass sich das Belohnungssystem negativ auf das Ergebnis auswirkte: Die Teilnehmer, denen Geld in Aussicht gestellt wurde, übersetzten weniger Wörter richtig als die andere Gruppe.

Eine Woche später wurden alle erneut zum Test gebeten. Dieses Mal wurde niemand belohnt und allen Teilnehmern wurden alle 30 Wörter vorgelegt. Und wieder war der gleiche Effekt zu sehen: Menschen, denen ursprünglich eine erfolgsbasierte Belohnung versprochen wurde, schnitten schlechter ab als jene, denen keine Belohnung in Aussicht gestellt worden war. Anders gesagt, die Belohnung in der ersten Runde hatte auch eine negative Auswirkung auf das Langzeitgedächtnis: die Teilnehmer konnten sich insgesamt an weniger Wortpaare richtig erinnern.

Dies führt direkt zu einem weiteren wichtigen Punkt: Prüfungssituationen selbst sind auch Lernsituationen. Das Wissen, das in einem Test reproduziert wird, wird durch das Abfragen erneut im Gehirn verfestigt. Im Experiment sollten also alle Teilnehmer am ehesten die Wörter, die sie beim ersten Test richtig übersetzen konnten, auch beim zweiten Test wissen. Aber selbst wenn man nur die Anzahl dieser Wortpaare vergleicht, ist der gleiche Effekt zu sehen: wenn es keinen Anreiz gab, so gut wie möglich abzuschneiden, erinnerten sich die Teilnehmer an mehr der bereits einmal erfolgreich gelernten Worte.

Es kann aber sogar noch schlimmer kommen. Eine erhoffte erfolgsbasierte Belohnung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Fakten falsch im Gedächtnis abgespeichert werden. Wie das? Wenn jemand versucht, so gut wie möglich bei einem Test abzuschneiden, neigt er eher dazu, auch einmal zu raten. Wenn dann falsch geraten wird, kann es dennoch sein, dass die Information im Gehirn abgespeichert wird und später dann fälschlicherweise als richtig angenommen wird.

Wie man es also dreht und wendet: erfolgsbasierte Belohnung wirkt sich sowohl negativ auf das Prüfungsergebnis als auch auf das Langzeitgedächtnis aus.

Literatur
Kuhbandner Christof, Alp Aslan, Kathrin Emmerdinger und Kou Murayama. 2016. Providing Extrinsic Reward for Test Performance Undermines Long-Term Memory Acquisition. Frontiers in Psychology, http://dx.doi.org/10.3389/fpsyg.2016.00079
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Alfie Kohn. 2005. Unconditional Parenting: Moving from Rewards and Punishments to Love and Reason. New York: Atria Books

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