Kein Einheitsbrei: Babyled Weaning unter der Lupe

Glücklich fischt Kängurukind #1 eine Nudel nach der anderen aus dem tiefen weißen Teller vor sich und stopft sie zielsicher in ihren Mund.  Mein Mann und ich unterhalten uns mit unseren Kollegen und genießen unser Essen beim Italiener. Alle sind entspannt. Das besondere? Kängurukind #1 ist gerade mal 7 Monate alt. Sie füttert sich seit etwa einem Monat selbst. Und zwar mit einer derartigen Freude und einem so immensen Interesse, dass die Erinnerungen daran für uns zu den spaßigsten ihres ersten Jahres zählen.

Die Methode, nach der wir bei Kängurukind #1 feste Nahrung eingeführt haben, heißt „Babyled Weaning“ (BLW) und wurde von Gill Rapley konzipiert. Das Prinzip ist leicht erklärt: Das Kind bestimmt, wann es wie viel feste Nahrung zu sich nimmt und füttert sich ausschließlich selbst. Die Eltern stellen das Essen so zur Verfügung, dass es leicht in eine Babyhand passt und das Kind problemlos davon abbeißen kann oder es alternativ relativ mühelos mit den Fingern aufnehmen kann. Begonnen wird frühestens mit 6 Monaten beziehungsweise dann, wenn das Kind Anzeichen für die Beikostreife zeigt. So soll es zum Beispiel nicht nur Interesse an fester Nahrung bekunden, sondern auch aufrecht sitzen können.  Muttermilch oder Fläschchennahrung bilden bis zum 1. Geburtstag immer noch den Hauptanteil der Nahrung, das heißt, das Baby hat weiterhin uneingeschränkten Zugang dazu.

Obwohl es ganze Websites, Communities und mittlerweile Bücher gibt, die sich damit beschäftigen, was man denn den Kindern bei dieser Methode am besten zubereitet, kann es auch ganz unkompliziert gehen: Das Kind kann im Grunde genommen beim ganz normalen, selbst gekochten Essen der Familie mitessen. Die einzigen allgemeingültigen und unumstrittenen Einschränkungen bestehen für das erste Lebensjahr in: wenig bis kein Salz, wenig bis kein Zucker, kein Honig, kein rohes Fleisch, kein roher Fisch, keine rohen Eier, keine Rohmilchprodukte, keine ganzen Nüsse. Und generell ist es ratsam, mit eher weichen Lebensmitteln zu beginnen, um es dem Baby leichter zu machen und die Gefahr des Verschluckens zu verringern. Abgesehen davon kann ein gesundes Kind, das keine nennenswerten Verdauungsbeschwerden hat, nach Lust und Laune drauf los entdecken, riechen, fühlen, quetschen, ach ja, und auch essen.  Mit anderen Worten: keine Gläschen, kein Brei, kein Pürieren, kein fixer Ablaufplan, kein Elternteil beschäftigt mit Füttern. Alle essen gemeinsam, gleichzeitig und weitgehend das Gleiche.

Gil Rapely nennt eine lange Reihe von Vorteilen dieser Methode, darunter die folgenden:

  • Kinder haben mehr Spaß an den Mahlzeiten, wenn sie selbst die Kontrolle haben.
  • In Breis sind verschiedene Geschmäcker vermischt, mit BLW können Kinder dagegen einzelne Geschmäcker und Strukturen entdecken und so lernen, was sie gerne mögen.
  • BLW-Kinder probieren gerne Neues aus und werden selten zu heiklen Essern, wahrscheinlich weil sie sich von Anfang an beim Essen von ihren Instinkten leiten lassen dürfen.
  • Abwechslungsreiche Kost von Anfang an ist gut für die Langzeitversorgung mit Nährstoffen und dem Spaß am Essen.
  • Da von Beginn an alle Sinne am Essen beteiligt sind (Sehen, Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken) entdecken Babies, wie sie alle diese Sinne für ein besseres Verständnis der Welt um sie herum verbinden können.
  • Die völlige Kontrolle darüber, was, wie viel und wie lange sie essen, hilft den Kindern ein natürliches Verhältnis zu Hunger und Sättigung zu entwickeln. Das könnte ein wichtiger Faktor bei der Prävention von späterem Übergewicht sein.
  • Weil sie von Beginn an Teil von gemeinsamen, gesunden Familienmahlzeiten sind, ist es später unwahrscheinlicher, dass sie zu ungesundem Essen greifen.
  • Wenn es rund um das Essen keinen Druck gibt, werden Mahlzeiten auch nicht zum Schauplatz von Kämpfen. Essensverweigerung oder -phobien sind daher viel unwahrscheinlicher.

Für mich schien es einleuchtend, dass es auf lange Sicht gesehen Vorteile hat, wenn Kinder von Anfang an verschiedene Texturen und einzelne Geschmäcker kennenlernen, selbstbestimmt essen und immer an den Familienmahlzeiten teilnehmen. Und selbst wenn es langfristig doch keinen Unterschied machen würde, so fanden wir es auf jeden Fall sehr viel unkomplizierter, da wir alle das Gleiche und immer alle gemeinsam gegessen haben. Abgesehen davon hat es uns allen einfach Riesenspaß gemacht.

Aber was hat es nun mit den angeblichen Vorteilen auf sich? Was wir heute dazu wissen, darum geht es im nächsten Post zu diesem Thema.

Weitere Infos:
Gill Rapely & Tracey Murkett. 2008. Baby-led Weaning, Helping your baby to love good food. Vermillon. [Deutsch:  Baby-led Weaning – Das Grundlagenbuch: Der stressfreie Beikostweg. 2013. Kösel-Verlag.]

Gill Rapleys englischsprachige Homepage www.rapleyweaning.com

Rapleys 16 Regeln auf Deutsch unpueriert.wordpress.com

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