Ansteckungsgefahr! Wie Kinder Vorurteile erlernen

Kinder erlernen viele Facetten von sozialem Verhalten, indem sie Erwachsenen genau zusehen und zuhören. Erleben sie beispielsweise bei ihren Eltern, dass diese mit bestimmten Menschen unfreundlich umgehen, werden sie höchstwahrscheinlich selbst eine Abneigung diesen gegenüber entwickeln. Der Knackpunkt an der Geschichte: Kinder müssen solche Vorlieben oder Abneigungen ihrer erwachsenen Vorbilder nicht ausdrücklich oder besonders lange mitbekommen. Es reicht, wenn ihnen diese auch nur kurz durch nonverbales Verhalten vorgelebt werden.

Eine neue Studie der University of Washington zeigt, dass Kinder sich mit Vorurteilen in kürzester Zeit quasi anstecken können: 67 4-5 jährige Kinder sahen kurze Videos, in denen ein Erwachsener mit zwei anderen Menschen redete. Das Gesagte war in beiden Fällen das gleiche. Der Unterschied lag ausschließlich in der Art und Weise, wie es gesagt wurde: in einem Fall mit einem Lächeln, warmer Stimme, dem Gegenüber zugewandt, im anderen Fall mit finsterem Blick, abgewandt und kaltem Ton. Ein Video dauerte nur rund 30 Sekunden, die Kinder sahen jedes Video zwei Mal.

60 Sekunden also, in denen die Kinder eine Präferenz für einen Erwachsenen gegenüber einem anderen entwickelten. Als die Wissenschaftler sie nämlich anschließend fragten, wen der beiden Akteure sie lieber mochten und wem sie eher ein Kuscheltier geben würden, entschieden sich 67% der Kinder für den Erwachsenen, mit dem freundlich gesprochen wurde. Diese Bevorzugung geht aber noch weiter:

Im nächsten Schritt testeten die Wissenschaftler, ob Kinder diese Präferenzen auch auf Menschen übertrugen, die Gemeinsamkeiten mit den Akteuren der Videos hatten. Sie überprüften also, ob es lediglich durch die Beobachtung nonverbalen Verhaltens zur Bildung von Vorurteilen gegenüber Gruppen von Menschen kommen kann.

Dafür testeten sie 81 4-5 Jährige. Im ersten Schritt sahen diese die gleichen Videos wie die erste Gruppe und beantworteten auch die gleichen Fragen. Nach den ersten Kurzfilmen wurden den Kindern dann die besten Freunde der beiden Schauspieler vorgestellt. Das jeweilige Freundespaar hatte T-Shirts in der gleichen Farbe an. Entsprechend dieser Farben stellten die Forscher sie den Kindern als Mitglieder der Gruppe der “dunkelroten” bzw. “schwarzen” vor. Danach fragten sie die Kinder, welchen der beiden Freunde sie bevorzugen würden.

Das Ergebnis: die Kinder mochten die Freunde derjenigen, denen zuvor positiv begegnet wurde, lieber als die anderen. Die Kinder hatten also Vorliebe und Abneigung von einem Menschen auf einen anderen Menschen der gleichen Gruppe übertragen. Dabei hatten sie lediglich folgende beiden Informationen über diese zwei Menschen: wie ein anderer Erwachsener mit einem von ihnen sprach sowie die Tatsache, dass sie der selben Gruppe angehörten.

Schon kurze, non-verbale Zeichen reichen also aus, um in Vorschulkindern neue soziale Vorlieben oder Abneigungen entstehen zu lassen. So können Vorurteile gegenüber bestimmten sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppen ganz schnell an Kinder weitergegeben werden. Selbst völlig ohne ausdrückliche oder gezielte Vermittlung.

Gerade heute ist es daher wieder besonders wichtig, aufmerksam möglichen eigenen Vorurteilen gegenüber zu sein, um diese nicht unbewusst an unsere Kinder weiterzugeben. Für ein offenes, friedliches und tolerantes Miteinander.

Literatur:
Allison L. Skinner, Andrew N. Meltzoff und Kristina R. Olson (2016) “Catching” Social Bias: Exposure to Biased Nonverbal Signals Creates Social Biases in Preschool Children. in: Psychological Science 1-9.

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